Improvisation
Bei uns spricht man, wenn nicht gerade von Musik oder Darstellender Kunst die Rede ist, von Improvisation eher mit gerümpfter Nase. Improvisation ist irgendwie ein bisschen peinlich und widerspricht unserer Bewunderung für Expertise und Expertentum. Der Satz: “Kunst kommt von Können, nicht von Wollen, sonst hieße sie ja Wunst!” lässt sich trefflich auf alle Bereiche des täglichen Lebens anwenden, in denen Menschen überhaupt irgendeine Tätigkeit ausüben.
So sind wir nun einmal, deutsch und gründlich. Und schließlich verdanken wir unser Ansehen als führende Techniknation genau dieser Eigenschaft. Sagt jedenfall der Mythos. Berichte über Qualitätsmängel an Fahrzeugen japanischer oder US-amerikanischer Hersteller lösen in der deutschen Öffentlichkeit regelmäßig eine gewisse besserwisserische Schadenfreude aus, während man auf ähnliche Probleme z.B. bei Mercedes-Benz oder in den ICE-Zügen der Firma Siemens erschüttert und mit dem chauvinistischen Hinweis reagiert, dass es eben kein wirkliches “Made in Germany” mehr gäbe.
Aber bleiben wir beim Thema Improvisation. In unserer Straße liegt ein offenbar marodes Wasserrohr, das seit einiger Zeit dem Druck nicht mehr standhält. Etwa alle zwei Wochen sieht man also, jeweils an einer anderen Stelle, das Wasser aus dem vielfach geflickten Straßenbelag quellen und den Abhang hinunter fließen. Wenig später erscheint dann ein Bautrupp von “Malta Waters”, reißt mit großem Getöse die Straße über der Unglücksstelle auf, flickt das Rohr und verschließt die Baugrube notdürftig. Innerhalb weniger Tage wird das Wasser nun etwas oberhalb der reparierten Stelle einen neuen Rohrbruch herbeiführen und das bekannte Spiel wiederholt sich. Ad infinitum.

Das ist ein Beispiel für die Improvisation im Maltesischen Alltag, die einem durchaus den Nerv töten kann. Viele Dinge sind irgendwie provisorisch, geflickt und vorläufig. Erst wenn man anfängt, sich mit der Behelfsmäßigkeit der Dinge abzufinden, kann man die Absurdität und die darin liegende Komik erfassen und wird gelassener.
Dem Mythos der Perfektion verpflichtet, streben wir danach, eine Sache abzuschließen, und zwar so, dass nachträglich nichts mehr daran verbessert werden muss - oder kann. Mängel empören uns geradezu. Die Dinge sind im Idealfall makellos, abgeschlossen und erledigt. Und genau das ist der Haken. Es bedeutet ja auch, dass die Dinge in sich eins sind und gewissermaßen unzugänglich und sich dadurch jedem weiteren Eingriff entgegensetzen. Der Wunsch der Menschen nach Gestaltungsmöglichkeiten prallt an den polierten Oberflächen perfekter Dinge ab. Mitwirkende werden zu passiven Bewunderern. Selbst die, die an der Herstellung des vollkommenen Gegenstandes mitgearbeitet haben, haben am Schluss nichts mehr damit zu tun, sind sozusagen arbeitslos geworden durch die Perfektion ihrer eigenen Arbeit und müssen sich neue Aufgaben suchen.
Da zunehmend mehr Dinge nach diesem Gesetz geschaffen werden, verwandelt sich die Welt allmählich in einen unzugänglichen Ort. Die Menschen gewöhnen sich daran, sich fremd und ausgeschlossen zu fühlen. Sie treffen an jeder Ecke auf Dinge, die ihnen nichts sagen, außer vielleicht: “Schleich dich, du Mensch! Ich brauche dich nicht, du machst mich nur schmutzig!”
Aber nicht nur, dass die solcherart selbstständig gewordenen Dinge in ihrem Autismus den Menschen von sich isolieren. Sie schüchtern ihn auch ein und beeinträchtigen seine Wirkungsmöglichkeiten. Der Schwanz wedelt mit dem Hund und die Dinge setzen den Menschen Maßstäbe, in denen für den Einzelnen erfolgreiches Handeln immer schwieriger wird. Der Mensch wird sich der eigenen Unbeholfenheit bewusst, wenn er staunend vor den Kathedralen der Perfektion steht.
Letztendlich geht es hier, ganz wie seit den Anfängen der Menschheits- und Kulturgeschichte, um Macht, die sich ästhetisch manifestiert. Mit dem entscheidenden Unterschied, dass diese Macht sich über den ästhetischen Bereich hinaus ausgebreitet und Metastasen im Alltag der Menschen gebildet hat. Der Maßstab des Perfektionismus beherrscht ebenso das Arbeitsleben, wie die Wunschzettel der Konsumenten, wie den um sein Selbstbild ringenden Jugendlichen als “Next-Top-Modell”-Zuschauer. Vielfalt, Fehlerkultur, Prozessdenken, Lernprozesse und viele auf Entwicklung und Nachhaltigkeit ausgerichtete Projekte können nur noch in gesellschaftlichen Nischen gedeihen. Die Menschen “pauken”, statt zu lernen. Sie unterwerfen sich Sachzwängen, deren Realität für sie unüberprüfbar ist und die, wenn überhaupt irgendwo, weit entfernt von ihnen liegt.

Ein solches System ist deshalb stabil, weil die Ängste, auf die es aufbaut, komplex und tiefgründig sind. Es bietet den Beteiligten einen einfachen verlockenden Deal: Anpassung gegen Sicherheit. Niemand muss mehr hinaus und auf Entdeckungsfahrt gehen. Nachts sind die Straßen beleuchtet und die Polizei sorgt für Ruhe und Ordnung. Das Leben ist rundum geregelt und abgesichert gegen unliebsame Überraschungen. Garantiert, sozusagen!
Freiheit sieht natürlich anders aus als so ein Leben auf dem Versagerrost. Kann man überhaupt noch von Freiheit sprechen, wenn die Angst vor Fehlern das Ausprobieren von etwas Neuem fast unmöglich macht? Wenn Normen, Regeln und Verfahrensanweisungen die Kreativität der Menschen im Würgegriff halten? Wenn mediale Übergroßmächte Lebens- und Schönheitsideale vergöttlichen, denen die wenigsten von uns auch nur entfernt gerecht werden können?
Damit komme ich auf mein Stichwort, die Improvisation, zurück. Es ist doch etwas mehr damit als bloßes Nicht-Besser-Können. Es könnte eine Verbindung geben zwischen der irgendwie “gebastelten” Umwelt in den Gozitanischen Dörfern und der Lebensfreude ihrer Bewohner. Und das hat beileibe nichts mit in den Tag hinein leben oder mit Gleichgültigkeit zu tun: Vergessen Sie alle Klischees, die Ihnen der Gedanke an ein mediterranes Volk mit maghrebinischen Vorfahren vielleicht eingibt!
Nehmen Sie an, dass diese Lebensweise eine mindestens ebenso lange Entwicklungsgeschichte vorweisen kann, wie die unsere. Tatsächlich hatte sie bereits ein paar Jahrtausende Bestand, als die Teutonen von den Bäumen herabstiegen. Wenn die Gesetze der Evolution also irgendeine Bedeutung haben, darf man wohl annehmen, dass wir es hier mit einem recht erfolgreichen Entwurf zu tun haben. Worauf beruht dieser Erfolg?
Der Mensch und seine Bedürfnisse, sein Streben nach Glück, steht im Mittelpunkt und seine Möglichkeiten bilden den Maßstab der Dinge. Die geltenden Werte richten sich an dieser Maxime aus, sie dienen dem Einzelnen in seiner Gemeinschaft mit anderen und sind nicht Instrumente der Profitmaximierung Einzelner zu Lasten der Gemeinschaft. Die Entscheidungsfreiheit des Einzelnen und die Verpflichtung Gott gegenüber begründen ein ausgewogenes und belastbares System aus Freiheit und Verantwortung.
Das Provisorische der Improvisation entspricht der Grundwahrheit des Lebens, dass alles vergänglich und vorläufig ist. Aber auch das Wort “Improvement”, ständige Verbesserung und Entwicklung, steckt darin. Wir begegnen dem Satz vom Weg, der das Ziel ist, tagtäglich auf den geflickten Straßen von Gozo.
-
von laurapeischl als Favorit markiert
-
von pjazzatonic gepostet